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Bin oder Die Reise nach Peking
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Bin oder Die Reise nach Peking ist eine ErzĂ€hlung des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Sie entstand im Jahr 1944 und erschien erstmals im ZĂŒrcher Atlantis Verlag im Jahr 1945. FĂŒr die Neuausgabe im Suhrkamp Verlag 1952 wurde der Text leicht ĂŒberarbeitet. Die ErzĂ€hlung thematisiert den Drang ihres Protagonisten, aus einem festgelegten, bĂŒrgerlichen Leben auszubrechen. Dabei wird die Stadt Peking zum unerreichbaren Ziel aller SehnsĂŒchte. Die ErzĂ€hlung wurde sowohl auf ihren Bezug zur Biografie des Autors als auch auf die Bedeutung fĂŒr das spĂ€tere Werk untersucht. Frisch bezeichnete sie als „TrĂ€umerei in Prosa“, spĂ€ter sprach er kritischer von „Fluchtliteratur“.

Contents

‱ Inhalt
‱ Form
‱ Ich Bin
‱ Die Rolle
‱ Rezeption
‱ Literatur
‱ Textausgaben
‱ Weblinks

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Inhalt

Der Protagonist der ErzĂ€hlung ist ein Ich-ErzĂ€hler, damit kein Name erwĂ€hnt werden muss, wie es heißt; erst am Ende wird er Kilian genannt. Er lebt ein bĂŒrgerliches Leben, geht jeden Tag zur Arbeit und besitzt ein Haus mit Garten. Seine Frau mit dem Namen Rapunzel hat ihm eben einen Sohn geboren. Sein Leben sei so glĂŒcklich, dass er kaum ein Anrecht zu einer Sehnsucht habe. Doch sein abendliches Schlendern fĂŒhrt ihn nicht nach Hause, sondern quer durch die Stadt und in den Wald. Unvermittelt steht er vor der Chinesischen Mauer, wo er auf Bin trifft, der die Ellenbogen auf der Mauer abstĂŒtzt und Pfeife raucht. Auf dessen Frage, wohin er wolle, weiß der ErzĂ€hler keine Antwort. So brechen sie nach Peking auf, das ganz nah sein muss, kann man doch schon die DĂ€cher der Stadt erkennen.

Die Reise nach Peking dauert lĂ€nger als erwartet. Immer wieder wird sie fĂŒr Wochen, Monate oder gar Jahre unterbrochen. Doch wenn der ErzĂ€hler erneut nach Peking aufbricht, wartet Bin bereits und begleitet ihn. Der ErzĂ€hler fĂŒhlte sich glĂŒcklich und befreit auf der Reise, wenn er nicht eine Rolle mit sich schleppen mĂŒsste. Immer wieder drĂŒckt und stört sie ihn, doch er will sie nicht einfach zurĂŒcklassen. Sie zu erstellen hat ihn einst große MĂŒhe gekostet, ihr Inhalt ist außerordentlich gewichtig. Auf der Reise begegnet der ErzĂ€hler einem Heiligen aus Sandstein und Menschen aus seinem frĂŒheren Leben. Er sieht noch einmal als Jugendlicher die erste nackte Frau im Meer baden und folgt ihr ins Dunkel einer am Strand liegenden Tonne. Er trifft erneut den Maler Anastasius Holder, dem er nicht offenbart hat, wie sehr ihn eines seiner Aquarelle beeindruckte, und der noch am gleichen Tag zu Tode gestĂŒrzt ist. Er tanzt noch einmal mit seiner Jugendliebe Maja. Sie ist so jung wie damals, sagt aber nun Sie zu ihm, weil er ein Herr geworden ist. Er erinnert sich an einen Selbstmörder, dem der Selbstmord verleidet wurde, weil er beim Vorhaben, ins Wasser zu gehen, einem Jungen das Leben rettete; seitdem schĂ€mt er sich vor dem Wasser.

Als er fast Peking erreicht hat, will der ErzĂ€hler seine Rolle in einem Haus unterstellen. Doch das Haus entpuppt sich als Entwurf seiner eigenen Phantasie, die Tochter des Hauses erinnert an Maja, der FĂŒrst von China kommt zu Besuch und will sich vom ErzĂ€hler einen neuen Palast konstruieren lassen. Der ErzĂ€hler bleibt lange in dem Haus, und er fĂŒrchtet beinahe, Bin könne wieder auftauchen und ihn zur Weiterreise gemahnen. Doch am Ende wird er des Hauses ĂŒberdrĂŒssig. Es ist nicht mehr das Haus seiner TrĂ€ume, stattdessen ist es festgelegt, seine Fehler unabĂ€nderlich, es erscheint ihm nun fremd und trostlos. Er flieht mit der chinesischen Maja. Auch sie wird von einem inneren Drang in die Welt hinaus getrieben und will von dem Weitgereisten wissen, ob er das Ziel ihrer Sehnsucht kenne, ob es wirklich existiere. Doch die TrĂ€ume des jungen MĂ€dchens sind im Gegensatz zu seinen noch ungebrochen. Bei der ersten Gelegenheit setzt sie sich mit einem jungen Burschen ab. Dem ErzĂ€hler bleibt nur das Wissen, dass sie ihn geliebt hat; er flĂŒchtet in den Alkohol.

Beim Besuch eines Konzerts erscheint Kilian der Tod und klopft ihm auf die Schulter. Entweder mĂŒsse Kilian selbst mit ihm kommen oder einen Ersatz fĂŒr sich nominieren. Kilian kann sich nicht ĂŒberwinden, einen Musiker oder Konzertbesucher auszuwĂ€hlen. Blind tippt er irgendjemand an die Schulter, der sich als sein Vater entpuppt und stirbt. Im gleichen Augenblick wird Kilian Vater, kommt sein Sohn zur Welt. Am Ende ist Kilian wieder daheim. Rapunzel bereitet ihm ein FrĂŒhstĂŒck. Er weiß, dass er nie nach Peking kommen wird. Nur die GesichtszĂŒge seines Sohnes erinnern ihn an Bin.

Form

Gertrud Bauer-Pickar sah Bin als Mosaik von Erinnerung, Traum und Erfahrung. Auf verschiedenen Stationen der Reise vermischen sich RealitĂ€t und Vorstellung. Durch hypothetische Geschichten werden Möglichkeiten der Gegenwart ausgelotet, eingeleitet durch Wendungen wie „Oder es konnte auch sein“.cite-ref-1[1] Der traumhafte Charakter der ErzĂ€hlung wird durch unbestimmte Zeitangaben („oft“, „manchmal“, „damals“, „bald“) und des Ortes („draußen“, „drinnen“, „drĂŒben“) unterstrichen. Motivisch immer wiederkehrende Handlungselemente wechseln ihre Erscheinung, etwa der Mond, der einer Katze, einem Gong oder einem fetten Gesicht gleicht, oder der Heilige, der am Ende als Nippesfigur auf der Truhe einer Wohnung steht. Der Protagonist der ErzĂ€hlung zerfĂ€llt in drei Figuren: den namenlosen Ich-ErzĂ€hler, sein komplementĂ€res ‚Du‘ namens Bin und Kilian, von dem bloß in der dritten Person die Rede ist.cite-ref-2[2] Sowohl das Ich als auch Bin bleiben reprĂ€sentative Modellgestalten, die in ihrer IndividualitĂ€t nicht nĂ€her ausgefĂŒhrt werden.cite-ref-jurgensen30-3-0[3]

Der namenlose ErzĂ€hler wird dem Leser als Identifikationsfigur angeboten, als Jedermann. Mehrmals wird der Leser direkt angesprochen und so in die Geschichte hineingezogen. Bereits der erste Satz lautet: „Es ist im Ernst nicht anzunehmen, daß es Leute gibt, die Bin, unseren Freund, nicht kennen.“cite-ref-4[4] Auch spĂ€ter wird an einigen Stellen das einbeziehende Wir verwendet: „Auf einmal, nach Jahren des Wartens, sieht man sich von der Frage betroffen, was wir an diesem Ort eigentlich erwarten.“cite-ref-5[5]cite-ref-6[6] Durch ironische Kommentare durchbricht Frisch die ErzĂ€hlung, und ruft so dem Leser die verschiedenen RealitĂ€tsebenen ins Bewusstsein. So bemerkt er ĂŒber seinen ErzĂ€hler, „dem wir die Rolle eines erzĂ€hlenden Ich ĂŒberbĂŒrdet haben, um keine Namen nennen zu mĂŒssen“, im folgenden Absatz: „wir hĂ€tten ihn auch Kilian nennen können“,cite-ref-7[7] was er mit dem Wechsel in die dritte Person von nun an auch tut. An anderer Stelle plaudert er ĂŒber die Hauptfigur: „Mit anderen Worten: Ein wenig soff er wohl auch.“cite-ref-8[8]cite-ref-9[9]

Interpretation

Ich Bin

Die Figur Bin wurde von verschiedenen Interpreten als Kilians besseres Ich, sein Alter Ego, sein DoppelgĂ€nger, ReisefĂŒhrer, die Verkörperung seiner Möglichkeiten oder WĂŒnsche gedeutet. Gleichzeitig wird er von Kilian losgelöst als Teil aller Menschen bezeichnet. Im Handlungsablauf tritt er mehrmals in der Rolle eines ĂŒbernatĂŒrlichen Beistands aus dem MĂ€rchen in Erscheinung. Seine Funktion fĂŒr den ErzĂ€hler erinnert an die Funktion des spĂ€teren Tagebuchs fĂŒr Max Frisch: Bin kommentiert, gibt Antworten, erklĂ€rt Sachverhalte oder stellt dem ErzĂ€hler jene Fragen, die dieser beantworten will. Ich und Bin sind zwei AusprĂ€gungen eines Selbst, aus dem Bin verĂ€ußerlicht wurde, um einen Dialog mit sich selbst zu ermöglichen.cite-ref-10[10]

Der Dialog des Ich-ErzĂ€hlers mit Bin erinnert an das Schreiben, und tatsĂ€chlich bekennt der ErzĂ€hler: „Manchmal noch schreibe ich an Bin. Nicht immer, wenn etwas passiert, gibt es Freunde; eine Feder, ein Papier, eine Wirtschaft gibt es fast immer“.cite-ref-11[11] Im ErzĂ€hlen, im Schreiben an Bin wird fĂŒr Kilian sein poetisches, literarisches Ich erfahrbar.cite-ref-12[12] Durch den Zusammenfall von Ich und Bin entsteht erst der ganze, der wirkliche Mensch. Der ErzĂ€hler weiß, „daß ich nur durch die Mittel des Traumes an diesem ersehnten Ort bin.“cite-ref-13[13] Nur im Bereich des Traumes, im ErzĂ€hlen kann der ErzĂ€hler von sich behaupten: „ich [
] bin.“cite-ref-14[14] Hans Schumacher leitete den Namen Bin als Silbe von Al-Bin ab, Albin Zollinger, dem von Frisch in seiner Jugend verehrten Schriftsteller.cite-ref-15[15]

Das „Du“ der Geschichte ist die Frau, der Archetypus der weiblichen Anima, der der ErzĂ€hler im Verlauf der Geschichte in verschiedenen Gestalten begegnet: der nackten Frau in der Tonne, der Kurtisane PfirsichblĂŒte, seiner ersten Liebe Maja und der jungen Chinesin, mit der er die Erinnerung vergeblich zu wiederholen versucht. Das Ende ist dem MĂ€rchen Rapunzel entnommen: nachdem der „Prinz“ in Blindheit durch die Welt geirrt ist, findet er glĂŒcklich heim zu seiner Ehefrau Rapunzel.cite-ref-16[16]

Die Reise nach Peking

Peking steht nicht fĂŒr die reale chinesische Hauptstadt, sondern fĂŒr einen Ort der Phantasie, einen Gedankenzustand. Dennoch lĂ€sst sich Peking geografisch im Fernen Osten ansiedeln. Es ist ein Ort der östlichen Philosophie und Weisheit: die Frage „was machen sie eigentlich?“ wird sogleich mit „Oh, diese westliche Frage!“ kommentiert.cite-ref-frisch-608-17-0[17] Peking ist auch ein Ort des Friedens, wĂ€hrend fĂŒr den Westen gilt: „DrĂŒben ist immer noch Krieg“.cite-ref-18[18] Im Gegensatz zum hektischen, automatisierten, monotonen Westen steht Peking fĂŒr Muße und Besinnlichkeit, fĂŒr WasserfĂ€lle und Schmetterlinge, kurz fĂŒr ein besseres Leben, was Frisch einem Satz Albin Zollingers entlehnt: „Die Sehnsucht ist unser bestes.“cite-ref-19[19]cite-ref-20[20]

Die Reise folgt einem Fluss. Peking als Ziel erwartet der ErzĂ€hler an dessen MĂŒndung ins Meer. Der Fluss trennt das Wirkliche vom Vorstellbaren, wie er auch die Gegenwart von der Vergangenheit und möglichen Zukunft trennt. Es handelt sich um den Fluss der Zeit, der dem ErzĂ€hler ermöglicht, in verschiedene Zeitebenen zu springen. Gleichzeitig ist er auch der Fluss des Lebens. Er fließt weiter, auch wenn der ErzĂ€hler nicht voranschreitet: „Bin [
] ich glaube, es treibt uns ab. Indem wir meinen, wir bleiben am Ort, indem wir rasten und reden und weilen, treibt es uns ab“.cite-ref-21[21]cite-ref-22[22]

Die Reise nach Peking ist eine Reise außerhalb von Raum und Zeit. Sie soll in eine Nacht ohne Grenzen fĂŒhren, da es dem ErzĂ€hler niemals gelingt, seine inneren Grenzen zu ĂŒberwinden. Seine inneren Konflikte werden zu Ă€ußeren Entfernungen umgedeutet.cite-ref-23[23] Mit dem Überschreiten der chinesischen Mauer hat der ErzĂ€hler die Grenze vom Bewussten zum Unbewussten ĂŒberwunden. Er sucht den Weg zum Schöpferischen, das im Unbewussten liegt: „Unter wirklichen Menschen, unter schöpferischen Völkern wĂ€re das anders“.cite-ref-24[24]cite-ref-25[25] Peking wird am Ende nicht erreicht, doch bereits im Aufbruch zur SelbsterfĂŒllung liegt die BewusstseinsĂ€nderung des ErzĂ€hlers, der Weg selbst wird zum Ziel.cite-ref-jurgensen30-3-1[3]

Die Rolle

GegenĂŒber der Rolle, die der ErzĂ€hler stĂ€ndig mit sich trĂ€gt, hegt dieser ambivalente GefĂŒhle. Zum einen möchte er sie loswerden, weil er weiß, dass nur sie es ist, die ihn vom Aufgehen in seiner Sehnsucht abhĂ€lt. In dieser Bedeutung steht sie fĂŒr den Alltag des ErzĂ€hlers, den er abstreifen will. Gleichzeitig ist ihm die Rolle kostbar, er will sie nicht verlieren, weil sie die Summe seiner Erfahrungen beinhaltet, den unumstĂ¶ĂŸlichen Beweis seiner Existenz. Die Rolle steht fĂŒr beide Bedeutungen des Wortes, die Rolle, die der ErzĂ€hler in seinem Leben spielt, und die Papierrolle als Verzeichnis seines Daseins.cite-ref-26[26] Durch ein Erreichen seines Ziels wĂ€re die Rolle des ErzĂ€hlers ĂŒberwunden: „Eine Rolle, die man in Peking stehen ließe, wĂ€re fĂŒr immer verloren.“cite-ref-frisch-608-17-1[17] Doch die Wortwahl zeigt die inneren WiderstĂ€nde gegen die Aufgabe der Rolle und damit auch gegen die angestrebte Selbstverwirklichung.cite-ref-27[27]

Als der ErzĂ€hler die Rolle in einem Haus zur Aufbewahrung abgeben will, nimmt sie im Haus selbst materielle Gestalt an. Das Haus wurde nach Kilians PlĂ€nen erbaut, die in der Rolle aufgezeichnet sind. Der Aufenthalt in seinen Wirklichkeit gewordenen PlĂ€nen fĂŒhrt zur Selbstentfremdung des ErzĂ€hlers und schließlich zur Spaltung seiner Persönlichkeit: durch ein Fenster beobachtet er sich bei der Feier mit dem FĂŒrsten, beobachtet sein eigenes soziales Verhalten wie das eines Fremden. Der ErzĂ€hler erkennt sein selbst entworfenes Haus in der RealitĂ€t nicht wieder. Durch die Umsetzung eines Planes, werden alle anderen dem ursprĂŒnglichen Entwurf innewohnenden Möglichkeiten negiert: „alles Fertige hört auf, Behausung unseres Geistes zu sein.“cite-ref-28[28]cite-ref-29[29]

Der Ablauf der Zeit

Die Reise fĂŒhrt auf doppeltem Weg durch die Zeit. Zum einen beginnt sie im subjektiven Zeitempfinden des ErzĂ€hlers im FrĂŒhjahr und fĂŒhrt ĂŒber den Sommer zum Herbst. Parallel dazu entwickelt sich der ErzĂ€hler vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Der Beginn der ErzĂ€hlung symbolisiert die Jugend. Erinnerungen spielen noch keine Rolle, die Sehnsucht richtet sich in die Zukunft, auf das Neue, sie scheint noch unbeschrĂ€nkt, die Ziele erreichbar, Peking kann nicht fern sein.

Im mittleren Abschnitt, dem Sommer, kommt es zur Erkenntnis, dass die Zeit nicht stillsteht. Zum ersten Mal werden sich vergangene Momente ins GedĂ€chtnis zurĂŒckgerufen, verpasste Gelegenheiten bedauert. Zum ersten Mal wird auch versucht, das Leben durch philosophische Betrachtungen zu erklĂ€ren. Die Langeweile tritt ins Leben, Depression und Einsamkeit folgen und fĂŒhren zu einem Suizidversuch. Diese Episode, vom ErzĂ€hler erzĂ€hlt, als passiere sie jemand anderem, ist eine alternative Möglichkeit seines Lebens, eines Lebens ohne Bin.

Anschließend geht die Geschichte in den Herbst des Lebens ĂŒber, beherrscht vom Wissen um seine BeschrĂ€nktheit. Der ErzĂ€hler lebt noch einmal seine SehnsĂŒchte aus, versucht die erste Liebe mit einer neuen Maja zu wiederholen, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass eine Wiederkehr nicht möglich ist. Der Tod macht zum ersten Mal seine Aufwartung, und Kilian weiß, dass er ihm das nĂ€chste Mal nicht mehr durch das Opfer eines anderen entgehen wird. Kilians Rolle wechselt vom Sohn zum Vater. Folgerichtig stirbt sein eigener Vater, dessen Position nun Kilian selbst einnimmt. Am Herbsttag des Epilogs hĂ€ngen noch die reifen FrĂŒchte des letzten Sommers in den BĂ€umen, wĂ€hrend der Samen fĂŒr das nĂ€chste FrĂŒhjahr bereits ausgesĂ€t ist. Das Bild steht fĂŒr den Vater und den neugeborenen Sohn.cite-ref-30[30] Die Reise des ErzĂ€hlers mit Bin war auch eine Reise hin zum eigenen Tod, in der Bin als der FĂ€hrmann Charon fungierte.cite-ref-31[31]

Autobiografischer Hintergrund

Die frĂŒhen Romane und ErzĂ€hlungen Max Frischs sind allesamt im Spannungsfeld zwischen einer bĂŒrgerlichen und einer KĂŒnstlerexistenz angesiedelt, zwei Alternativen fĂŒr einen Lebensentwurf, zwischen denen Frisch zu dieser Zeit selbst zwiegespalten war. 1936 brach er ein angefangenes Germanistikstudium ab und schrieb sich an der ETH ZĂŒrich fĂŒr ein Architekturstudium ein. Im Folgejahr, nachdem die ErzĂ€hlung Antwort aus der Stille eindeutig Position fĂŒr das bĂŒrgerliche Leben ergriffen hatte, verbrannte Frisch all seine Manuskripte und schwor dem Beruf eines Schriftstellers ab, ehe er 1939 mit dem Kriegstagebuch BlĂ€tter aus dem Brotsack wieder literarisch rĂŒckfĂ€llig wurde. 1942 heiratete er die Architektin Gertrude Anna Constanze von Meyenburg. In einem Interview mit Heinz Ludwig Arnold erklĂ€rte er: „Ich habe mich dann ganz entschieden bekannt zu einer bĂŒrgerlichen Existenz, habe dann auch sehr bĂŒrgerlich geheiratet. Ich war also ein bewußter BĂŒrger, einer, der BĂŒrger sein will, und ich habe meinen Preis dafĂŒr gezahlt und meine Erfahrung damit gemacht.“cite-ref-32[32]

Vor diesem Hintergrund entschlĂŒsselte der Frisch-Biograf Urs Bircher die ErzĂ€hlung biografisch. Wie Kilian entwarf auch der Architekt Max Frisch HĂ€user. Wie Kilians Ehefrau trug auch Trudy von Meyenburg den Spitznamen „Rapunzel“. Die beschriebene Wohnung, in der Kilian so glĂŒcklich lebt, dass er kein Anrecht zu einer Sehnsucht zu haben glaubt, sei die ZĂŒrcher Wohnung, in der die Familie Frisch 1942 eingezogen sei. Kilians neugeborener Sohn korrespondiere mit Frischs 1943 und 1944 geborenen Kindern. Nach Birchers Auffassung thematisiere Frisch in Bin die Sehnsucht, aus seinem bĂŒrgerlichen Leben auszubrechen und sich der Kunst zuzuwenden. Trotz seiner Bekenntnisse fĂŒr das BĂŒrgertum lasse sich die Sehnsucht nicht unterdrĂŒcken. Durch die ErzĂ€hlung, die Frisch seiner Frau widmete, gestehe er seiner Rapunzel, dass er stets aufs Neue nach Peking aufbrechen werde, dass er sich stets aufs Neue von einer Maja verlocken lassen werde, dass er aber am Abend stets wieder zu ihr in die eheliche Wohnung zurĂŒckkehren werde. Bircher schloss mit den Worten: „Unter biographischem Aspekt ist Bin eine Lebensbeichte, der Versuch, sich und seine Lebensnöte der Ehefrau gleichnishaft zu erzĂ€hlen.“cite-ref-33[33]

Die spĂ€tere Biografin Lioba Waleczek schrĂ€nkte Birchers Deutung ein. FĂŒr sie blieb „eine derart enge biographische Auslegung problematisch“. Doch auch sie wertete, dass sich Frisch im Aufbruch, auf der Suche nach VerĂ€nderung und in der Erkundung seines SelbstverstĂ€ndnisses befand und in der ErzĂ€hlung seine Rolle als Schriftsteller thematisierte.cite-ref-34[34] Die Konsequenzen aus seiner Zerrissenheit zwischen dem bĂŒrgerlichen Leben und der Kunst zog Frisch im persönlichen Leben erst zehn Jahre spĂ€ter. Nach dem Erfolg seines Romans Stiller trennte er sich 1954 von seiner Familie. Im Folgejahr gab er sein ArchitekturbĂŒro auf und widmete sich fortan nur noch der Schriftstellerei.

Stellung in Frischs Gesamtwerk

Bin oder Die Reise nach Peking wird oft als erster Schritt von Frischs Jugendwerk zu den Themen und dem Stil seiner spĂ€teren Arbeiten aufgefasst. Sie ist Frischs erste grĂ¶ĂŸere ErzĂ€hlung in der Ich-Form. Gleichzeitig ist sie das erste Werk Frischs, in dem das Ich in zwei Figuren aufgespalten wird, ein Kunstgriff, den Frisch in seinen spĂ€teren Werken öfter anwenden sollte.cite-ref-35[35] Die hypothetischen Geschichten in Bin nehmen bereits das Grundmotiv aus Mein Name sei Gantenbein voraus: „Ich stelle mir vor“.cite-ref-36[36] Einzelne Handlungselemente finden sich in spĂ€teren Werken wieder. So wird das durchgehende Thema der Rolle, die der ErzĂ€hler gegen seinen Willen mit sich trĂ€gt, in einer Episode des Stiller aufgegriffen, in der Rolf mit einem aufgedrĂ€ngten Paket fleischfarbenen Stoffs durch Genua irrt.cite-ref-37[37] Auch die Figur Isidors ist aus Stiller bekannt, der Name Kilian aus dem Drama Santa Cruz. Die Begegnung Kilians mit dem Tod erinnert an die Tagebuch-Skizze Der Harlekin.cite-ref-38[38]

Die ErzĂ€hlhaltung von Bin ließ den bisherigen grĂŒblerisch-ernsten und problematisierenden Stil des FrĂŒhwerks hinter sich. Den heiter-poetischen Tonfall aus Bin sah JĂŒrgen H. Petersen als Folge des eher feuilletonistischen Ansatzes aus BlĂ€tter im Brotsack.cite-ref-39[39] Frisch selbst bezeichnete die ErzĂ€hlung 1948 als „TrĂ€umerei in Prosa“,cite-ref-40[40] 1974 noch als „zĂ€rtlich-romantisches Gebilde“, dessen er sich nicht schĂ€me. Dennoch merkte er kritisch an, dass er sich mit solcherart „Fluchtliteratur“ wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs „in einen Elfenbeinturm“ zurĂŒckgezogen habe. Er habe nicht ĂŒber Dachau oder zumindest ĂŒber die Situation in der Schweiz schreiben können: „ich hatte nicht die Mittel dazu, ich hatte vielleicht auch nicht den Mut dazu – ich meine jetzt nicht den Mut gegen außen, sondern den Mut, daß man sich und seinem Können das zutraut, diese Dinge darzustellen –; das fing erst gegen Kriegsende an, daß ich die Welt, die mich bedrĂ€ngt, darzustellen begann und die Literatur nicht mehr als Fluchtgefilde betrachtete.“cite-ref-41[41]

Rezeption

Bin oder Die Reise nach Peking wurde in der Presse mit großem Zuspruch aufgenommen. Emil Staiger las den Text als Gleichnis fĂŒr „etwas schlechthin GĂŒltiges“, das den „wahren und imponierenden Max Frisch“ offenbare.cite-ref-42[42] Hans Mayer sah in Bin eine „Ferienreise mit einem Retourbillet“, die dennoch eine „‚empfindsame Reise‘, elegisch, traumhaft, verspielt, zeitweise auch idyllisch“ sei. Frisch versuche, „durch lyrische Sprache das AlltĂ€gliche zu durchleuchten.“ Darin liege „etwas von jener ‚Romantisierung‘ des Alltags, die Novalis ertrĂ€umte.“cite-ref-43[43]

Peter Bichsel wandte sich dagegen, Bin lediglich als unpolitische Fluchtliteratur zu lesen: „Als wir mit Primo zusammen Bin lasen, da war das kein Verdacht, sondern die absolute Gewißheit, daß es hier um VerĂ€nderung geht, um Aufbruch. Wir haben das ganz und gar politisch verstanden. Es war unsere Chance. Unsere Chance, von da wegzukommen, wo wir immer noch sind.“cite-ref-44[44] Der Sinologe Wolfgang Kubin bezeichnete Bin oder Die Reise nach Peking als sein Lieblingsbuch.cite-ref-45[45]

Literatur

Textausgaben

‱ Max Frisch: Bin oder Die Reise nach Peking. Atlantis, ZĂŒrich 1945 (Erstausgabe)
‱ Max Frisch: Bin oder Die Reise nach Peking. Bibliothek Suhrkamp 8, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1952, ISBN 3-518-01008-5 (ĂŒberarbeitete Neuausgabe)

SekundÀrliteratur

‱ Peter Bichsel: Als uns Primo Randazzo „Bin“ befahl. In: Walter Schmitz (Hrsg.): Max Frisch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-38559-3, S. 92–96.
‱ Manfred Jurgensen: Max Frisch. Die Romane. Francke, Bern 1976, ISBN 3-7720-1160-8, S. 30–45.
‱ Hans Mayer: Bin oder Die Reise nach Peking. In: Hans Mayer: Frisch und DĂŒrrenmatt. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-22098-5, S. 91–93.
‱ Walter Schmitz: Max Frisch: Das Werk (1931–1961). Studien zu Tradition und Traditionsverarbeitung. Peter Lang, Bern 1985, ISBN 3-261-05049-7, S. 114–123.
‱ Hans Schumacher: Zu Max Frischs „Bin oder Die Reise nach Peking“. In: Walter Schmitz (Hrsg.): Über Max Frisch II, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-518-10852-2, S. 178–182.
‱ Linda J. Stine: Chinesische TrĂ€umerei: MĂ€rchenelemente in „Bin“. In: Walter Schmitz (Hrsg.): Max Frisch, S. 97–105.

Weblinks

‱ Charles Linsmayer: Max Frisch. Veröffentlicht in: Literaturszene Schweiz. 157 Kurzportraits von Rousseau bis Gertrud Leutenegger. Unionsverlag, ZĂŒrich 1989, ISBN 3-293-00152-1.
‱ Harri Hemminki: Die „Zeit“ in der ErzĂ€hlung „Bin oder Die Reise nach Peking“ von Max Frisch: Eine strukturale Textanalyse. Pro Gradu-Arbeit an der UniversitĂ€t JyvĂ€skylĂ€, 2003. (PDF-Datei)
‱ Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study. In: Forum Vol. XVII Autumn 1976 Number 4, Ball State University, S. 61–70. (PDF-Datei, englisch)

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-06533-5, S. 605.
cite-note-22. ↑ Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study, S. 61–62, 64.
cite-note-jurgensen30-33. ↑ Manfred Jurgensen: Max Frisch. Die Romane, S. 30.
cite-note-44. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 603.
cite-note-55. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 604.
cite-note-66. ↑ Linda J. Stine: Chinesische TrĂ€umerei: MĂ€rchenelemente in „Bin“, S. 99.
cite-note-77. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 650.
cite-note-88. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 653.
cite-note-99. ↑ Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study, S. 68–68.
cite-note-1010. ↑ Linda J. Stine: Chinesische TrĂ€umerei: MĂ€rchenelemente in „Bin“, S. 100–101.
cite-note-1111. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 656.
cite-note-1212. ↑ Walter Schmitz: Max Frisch: Das Werk (1931–1961), S. 120.
cite-note-1313. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 636.
cite-note-1414. ↑ Manfred Jurgensen: Max Frisch. Die Romane, S. 40.
cite-note-1515. ↑ Hans Schumacher: Zu Max Frischs „Bin oder Die Reise nach Peking“, S. 180.
cite-note-1616. ↑ Linda J. Stine: Chinesische TrĂ€umerei: MĂ€rchenelemente in „Bin“, S. 102–103.
cite-note-frisch-608-1717. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 608.
cite-note-1818. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 606.
cite-note-1919. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 643.
cite-note-2020. ↑ Vgl. zum Absatz: Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study, S. 62.
cite-note-2121. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 611.
cite-note-2222. ↑ Vgl. zum Absatz: Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study, S. 62–63.
cite-note-2323. ↑ Linda J. Stine: Chinesische TrĂ€umerei: MĂ€rchenelemente in „Bin“, S. 98.
cite-note-2424. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 622.
cite-note-2525. ↑ Walter Schmitz: Max Frisch: Das Werk (1931–1961), S. 117.
cite-note-2626. ↑ Vgl. zum Abschnitt: Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study, S. 67–68.
cite-note-2727. ↑ Manfred Jurgensen: Max Frisch. Die Romane, S. 33.
cite-note-2828. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Erster Band, S. 645.
cite-note-2929. ↑ Walter Schmitz: Max Frisch: Das Werk (1931–1961), S. 120–121.
cite-note-3030. ↑ Vgl. zum Abschnitt: Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study, S. 63–69.
cite-note-3131. ↑ Walter Schmitz: Max Frisch: Das Werk (1931–1961), S. 123.
cite-note-3232. ↑ Heinz Ludwig Arnold: GesprĂ€che mit Schriftstellern. Beck, MĂŒnchen 1975, ISBN 3-406-04934-6, S. 11–12.
cite-note-3333. ↑ Urs Bircher: Vom langsamen Wachsen eines Zorns: Max Frisch 1911–1955. Limmat, ZĂŒrich 1997, ISBN 3-85791-286-3, S. 119–123.
cite-note-3434. ↑ Lioba Waleczek: Max Frisch. Deutscher Taschenbuchverlag, MĂŒnchen 2001, ISBN 3-423-31045-6, S. 60.
cite-note-3535. ↑ Alexander Stephan: Max Frisch. C. H. Beck, MĂŒnchen 1983, 178 S., ISBN 3-406-09587-9.
cite-note-3636. ↑ Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study, S. 61.
cite-note-3737. ↑ Gertrud Bauer-Pickar: Bin Oder Die Reise Nach Peking: A Structural Study, S. 67.
cite-note-3838. ↑ Manfred Jurgensen: Max Frisch. Die Romane, S. 43.
cite-note-3939. ↑ JĂŒrgen H. Petersen: Max Frisch. Metzler, Stuttgart 1978, ISBN 3-476-13173-4, S. 35–36.
cite-note-4040. ↑ Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Zweiter Band, S. 589.
cite-note-4141. ↑ Heinz Ludwig Arnold: GesprĂ€che mit Schriftstellern, S. 19–20.
cite-note-4242. ↑ Urs Bircher: Vom langsamen Wachsen eines Zorns: Max Frisch 1911–1955, S. 124.
cite-note-4343. ↑ Hans Mayer: Bin oder Die Reise nach Peking, S. 90–91.
cite-note-4444. ↑ Peter Bichsel: Als uns Primo Randazzo „Bin“ befahl, S. 96.
cite-note-4545. ↑ Wolfgang Kubin: Aus der Werkstatt eines Literaturhistoriographen. In: Thomas Borgard, Christian von Zimmermann, Sara Margarita Zwahlen (Hrsg.): Herausforderung China. Haupt, Bern 2009, ISBN 978-3-258-07358-3 S, 86.